Undurchsichtig auf hohem Niveau? Verbraucherschützer streiten mit Befürwortern der Auskunfteien über Scoring

Auf dem Symposium „Scoring – Die Praxis der Auskunfteien, deutsches Datenschutzrecht und europäische Perspektiven“ am 20.05.2015 in Berlin, wurde die Bewertungspraxis der führenden Auskunfteien in Deutschland von allen Seiten unter die Lupe genommen. Ausschlaggebend dafür, war eine Anfang des Jahres veröffentlichte Studie des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein und der GP Forschungsgruppe zum „Scoring nach der Datenschutz-Novelle 2009 und neue Entwicklungen“.

Fehlende Transparenz des Scorings

Zum Auftakt der Veranstaltung wurde die Studie vorgestellt und die Erkenntnis daraus präsentiert: Die über 2000 befragten Personen zeigten insgesamt eine hohe Unzufriedenheit mit dem Score-Wesen. Dazu führte insbesondere die mangelnde Transparenz des Berechnungsverfahrens, sowie die Qualität der einbezogenen Daten. 1/4 – 1/3 der Verbraucher gaben an, die Daten der Auskunfteien seien falsch oder unvollständig. Zu der fehlenden Nachvollziehbarkeit des Verfahrens wurden insbesondere die Unverständlichkeit des Auskunftsergebnisses und dessen fragwürdige Benennung bemängelt. Ein System in dem 92% von 100% schon ein erhöhtes Risiko bedeutet erschien den Verbrauchern nicht verständlich.

Verfassungsbeschwerde gegen die Einstufung des Scoring-Verfahrens als Geschäftsgeheimnis

Die allseits beklagte Transparenz des Berechnungsverfahrens wurde 2014 vom BGH zwar als zulässiges Geschäftsgeheimnis deklariert. Gegen dieses Urteil wurde jedoch bereits Verfassungsbeschwerde erhoben, auf welche die Verbraucherschützer große Hoffnungen setzen.

Fehlende Individualität führt zu falschen Ergebnissen

Einhergehend mit der mangelnden Transparenz des Scorings, wurde Seitens der Verbraucherschützer insbesondere die mangelhafte Möglichkeit der Nachkontrolle bei Fehlberechnungen bemängelt. Ein anschauliches Beispiel brachte dazu Frau Dorothea Mohn, Leiterin Team Finanzen beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Sie verglich das Scoring-Verfahren mit einem Metalldetektor am Flughafen, gehe man dort hindurch, piepst das Gerät gegebenenfalls. Ist dies geschehen wird der Fluggast jedoch nicht postwendend wieder nach Hause geschickt, vielmehr werde anschließend kontrolliert, ob nicht etwas Harmloses den Alarm ausgelöst haben könnte, und somit eine Weiterreise ermöglicht. Eine solche Nachkontrolle fehle bei einem bedenklichen Score. Der Vergleich sollte deutlich machen, dass Scoring als Schnelltest geeignet ist, bei einem negativen Ergebnis aber eine individuelle Kontrolle geboten ist.

Kritik an Geo-, und Social-Scoring sowie der Einbeziehung von sensiblen Daten

Einigkeit bei sämtlichen Parteien herrschte in der Kritik des Geo-Scorings und der starken Bedenklichkeit des Social-Scorings, wobei letzteres in Deutschland bislang auch keine Anwendung findet. Gestritten wurde hingegen über die Einbeziehung von hochsensiblen Daten. Arbeitslosigkeit, Krankheit und Scheidung/Familienstand beeinflussen maßgeblich die Kreditwürdigkeit des Betroffenen, diese sensiblen Daten werden aber gerade nicht in die Berechnung einbezogen. Es stellte sich daher die Frage, ob die Genauigkeit der Score-Berechnung auf Kosten der Einbeziehung von noch mehr Verbraucherdaten verbessert werden kann und sollte.

Hoher deutscher Standard beim Scoring

Dem Hauptkritikpunkt, der mangelnden Transparenz, stand jedoch eine Wand der Befürworter des Systems gegenüber, die im Verlauf des Symposiums, die Bedenken der Verbraucherschützer und somit auch das Ergebnis der veranlassenden Studie, eher in den Hintergrund rückte.
Vielmehr bildete sich ein Konsens über die Vorteile des Scorings, fraglos für die beanspruchenden Unternehmen, aber gerade auch für den Verbraucher, welcher durch eine auf Scoring begründete Ablehnung von Verträgen, vor Überschuldung geschützt würde. Insbesondere wurde dabei das hohe Scoring Niveau in Deutschland gelobt, welches sich nach der Gesetzesneuerung in 2009 gefestigt habe. Die Berechnungssysteme seien nicht zu beanstanden und würden stets von Aufsichtsbehörden kontrolliert. Insbesondere ein Ausblick auf die europäische Situation festigte den Eindruck, dass das Scoring-Verfahren in Deutschland nicht verändert geschweige denn verbessert werden sollte. Die gesetzlichen Regelungen seien streng und hinreichend. Vielmehr sollte es das Ziel sein, den deutschen Standard nach Europa hinauszutragen, insbesondere im Hinblick auf den aktuellen Schaffungsprozess der EU-Datenschutz-Grundverordnung in Brüssel. Dass in dieser Grundverordnung das Scoring mit keinem Wort erwähnt werden wird, steht hingegen schon fest. Das „profiling“ an sich hingegen wird thematisiert, wobei die Hierzulande schon umstrittenen Standards, in der Verordnung wohl nicht einmal erreichbar sein werden.
Zwischen dem Ruf nach mehr Kontrollmöglichkeiten des Verbrauchers und der Überzeugung, das höchstmögliche Niveau für das System des Scorings bereits erreicht zu haben, fand der Moderator Frederick Richter, Vorstand der Stiftung Datenschutz, das Schlusswort: „Fair gemachtes Scoring nutzt allen. Fehlerhafte Daten nicht.“.

 
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