Netzneutralität: Was ist das eigentlich? – Ein Experten Interview

In den USA ist es bereits ein umkämpftes und in den Medien diskutiertes Thema: Netzneutralität. Fraglich ist jedoch, was ist das eigentlich?

Um diesem Phänomen vorzubeugen und damit Sie wieder auf Augenhöhe mitdiskutieren können, haben wir Manuel Achterberg, Enterprise-Architect bei E. ON Business Services GmbH, interviewet. Herr Achterberg ist studierter Wirtschaftsinformatiker und hat neben seiner einschlägigen Berufserfahrungen auch schon in seinem noch jungen Alter sehr weitläufige Erfahrungen und Kenntnisse in den Bereichen IT Management, IT Service Management, Business Intelligence, Software-Entwicklung und Webdesign gesammelt.

Recht-Freundlich: Guten Tag, Herr Achterberg. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mit uns über das Thema Netzneutralität zu sprechen. Um gleich in das Thema einzusteigen: Was bedeutet Netzneutralität?

Achterberg: Netzneutralität ist die Gleichbehandlung aller Daten bei der Übertragung im Internet. Das heißt, dass alle Datenpakete mit gleicher Priorität behandelt werden, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Zwecks und wer davon profitiert.

Recht-Freundlich: Wie sieht Netzneutralität in der technischen Ausgestaltung aus?

Achterberg: Neutralität ist der derzeitige Zustand. So, wie wir das Internet und dessen Funktion gewohnt sind. Wenn wir ein Datenpaket an irgendeinen Server schicken, können wir dessen Weg über alle Knoten im weltweiten Netz verfolgen. Das Paket wird von Router zu Router geschickt. Dabei gibt es verschiedene Verfahren und Protokolle, die die Regeln in der Übertragung bestimmen. Prinzipiell schickt ein Router das Paket aber zum demjenigen Nachbarrouter, von dem er glaubt, dass er am nächsten am Ziel des Pakets sei. Die gängigen Netzwerkprotokolle behandeln alle Pakete gleich.

Recht-Freundlich: Erscheinen Ihnen die Bestrebungen der Netzanbieter ein „Zwei-Klassen-Internet“ einzurichten, problematisch?

Achterberg: Die Netzanbieter erwarten einen massiven Datenzuwachs, der durch ihre Leitungen geschickt wird und behaupten, dass es zu “Datenstaus” kommen könnte. Das Modell zur vermeintlichen Problemlösung sei, die Datenübertragung in verschieden priorisierte Klassen aufzuteilen. Verschiedene Dienste, wie TV, Telefonie, Videostream, Websites, Onlinespiele etc. haben unterschiedliche Anforderungen an die Übertragunsg. Hinzu kommt die Überlegung, dass Personen, die extrem viele Daten durchs Netz schicken, über Zusatzpakete mehr Netzkapazitäten kaufen könnten. Somit würde derjenige, der mehr Internet nutzt auch mehr zahlen. Soweit klingt das nachvollziehbar.

Es kamen allgemein sehr viele Proteste und Zweifel, gegen die Befürchtungen, dass die “Leitungen voll sein” könnten, auf. Tatsächlich wird hinter den Bestrebungen, bestimmte Pakete zu bevorzugen, ein profitables Modell der Netzanbieter vermutet: Ähnlich wie in der Mobilfunkbranche könnte ein “normales”, begrenztes Internet entstehen, während mehrere, gesonderte Premiumdienstanbieter von diesen Limitierungen ausgeschlossen werden. Sie würden auf die “Überholspur” des Internets gesetzt werden. Damit würden nur ausgewählte und vom Nutzer abonnierte Sonderanbieter endlos und schnell benutzbar sein. Einzelnen Unternehmen könnten gegenüber anderen ein Wettbewerbsvorteil verschafft werden. Dienste im Internet könnten wie Pay-TV Sender vom Netzanbieter ausgewählt werden und ein freier Wettbewerb fände nicht mehr statt. Vieles, was uns momentan frei im Internet zur Verfügung steht, wie die Kommunikation zu Bekannten, könnte dann eine Konkurrenz zu Produkten sein, an denen der Netzanbieter eine Gewinnabsicht hat. Besonders gemeinnützige Dienste und Communityprojekte würden darunter leiden. Wikipedia z.B. würde nur noch schlecht verfügbar sein. Ebenso fürchten Künstler um ihre freien Kommunikationskanäle zu ihrer Audienz.

Diese Veränderung bedarf nur einer Systemeinstellung. Zentral könnten die Netzanbieter ihre Router veranlassen, die Datenpakete zu prüfen, bevor sie weitergeleitet werden.

In den USA haben sich die größten Internetkonzerne zum Protest an diesem System zusammengetan: Google, Amazon, Facebook, Microsoft, Twitter und Yahoo warnen den Staat vor den möglichen Folgen.

Recht-Freundlich: Noch eine abschließende Frage: Sehen Sie dann eher Handlungsbedarf des Gesetzgebers?

Achterberg: Das beschriebene Negativszenario kann nicht ausgeschlossen werden. Die Aussage über Kapazitäten in der Datenübertragung kann als Rechtfertigung für eine solche Veränderung nicht ausreichend sein. Netzneutralität sollte gesetzlich festgelegt werden, bevor sie den Infrastrukturanbietern vertrauensbasiert überlassen wird. Daten dürfen nicht aufgrund irgendwelcher Faktoren diskriminiert oder priorisiert werden.
Recht-Freundlich: Herr Achterberg, wir danken Ihnen für dieses aufschlussreiche und informative Gespräch.

 
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars 10 Bewertung(en), durchschnittlich: 5,00 von 5
Loading...

Rechtsanwalt Thomas Feil in den Medien

Schreibe einen Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können folgende HTML-Tags benutzen:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

*
*

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen